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Jetzt oder Nie? Nie oder Jetzt!

 

Nach unserem einjährigen Aufenthalt in New York und halbjährigen in San Francisco lebten wir seit vier Jahren mit unserer dreijährigen Tochter wieder in Bielefeld. Stephan arbeitete seit einem halben Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Hochschuldidaktik der Uni Bielefeld und ich hatte seit einem Jahr meine kassenärztliche Zulassung als Diplom Psychologin. Nach zwei anstrengenden und finanziell sehr engen Jahren hatten wir es endlich geschafft, wir waren einigermaßen abgesichert und konnten es uns finanziell leisten, die Trainings zu leiten, da wir von den Einnahmen unserer Firma damals nicht leben konnten und es auch kaum vorstellbar war, das jemals zu können. Wir lebten unseren Traum: andere Menschen zu ermächtigen, dass sie ihre Träume verwirklichten, so wie wir es taten.

Zum damaligen Zeitpunkt spielte Stephan schon seit 20 Jahren Gitarre und für ihn war es schon immer ein großer Traum, für ein Jahr am Guitar Institute of Technology (GIT) in Los Angeles zu studieren. Er hatte mich vier Jahre zuvor bei meinem Traum unterstützt, eine RET- Ausbildung am renommierten ‚Institute for RET’ bei Dr. Albert Ellis in NY zu absolvieren und damals gab ich ihm das Versprechen, ihn ebenfalls bei seinem Traum zu unterstützen.

Eines Abends im September fragte er mich, wann er seine Ausbildung als Musiker beginnen und wir diese Reise starten sollten. Er könne im darauffolgenden März oder in einem Jahr im September anfangen. Ich war grad dabei Essen vorzubereiten und etwas überrascht, daher sagte ich ihm, dass mir der September passender schiene, hauptsächlich wohl, weil es dann noch ein Jahr gedauert hätte, aber ich müsse erst noch überlegen. Beim Salat hatte ich noch viele Zweifel und Bedenken: wie sollte ich die Praxis inkl. der Büroräume erhalten? Als ich es ihm versprochen hatte, hatten wir noch kein Kind. Das veränderte doch alles, oder? Außerdem hatte Anna so einen guten Kitaplatz, was, wenn der danach weg wäre? Was käme nach diesem Jahr? Wieder von vorn anfangen? Zudem hatten wir das erste Mal in unserem Leben Weihnachtsgeld erhalten, würde er im März in LA anfangen, müssten wir es zurückzahlen. Es gab so viele Bedenken und Gründe für den späteren Septembertermin oder sogar dafür, es nie zu machen. War es nicht schon zu spät? Abgesehen davon fehlte uns das Geld. Wir waren zwar nicht im Minus, aber hatten auch nichts gespart. Wovon auch.

Dann die Erleuchtung beim Dessert: nichts wäre im nächsten September anders oder besser als im März. Die Zeit bis dahin würde meine Bedenken nicht zerstreuen, im Gegenteil, wir wären dann noch etablierter und es sprächen wahrscheinlich noch mehr Gründe dagegen. Mir wurde bewusst, wie sehr Stephan mich in NY unterstützt hatte; allein hätte ich die Ausbildung in NY gar nicht begonnen und ohne ihn mit Sicherheit abgebrochen, denn zu der Zeit in NY passte der Spruch: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Die Anforderungen waren hoch und die schroffe Art von Dr. Ellis schwer auszuhalten, auch wenn ich sehr viel von ihm gelernt habe. Aber Stephan hatte mich durch die Zeit begleitet und jetzt würde ich unser Kind als Begründung nehmen, damit er seinen Traum nicht verwirklicht?

‚Weißt Du was, melde Dich für März an‘, sagte ich ihm, ‚wir schaffen das schon irgendwie.‘ Gesagt getan. Zunächst einen Kredit beantragen, den uns der Sparkassenberater lediglich auf unser Wort hin ohne Sicherheiten bewilligte, ein wahres Wunder, dann Wohnung und Praxis für ein Jahr vermieten, Kita Platz sichern für die Rückkehr von Anna, die sehr liebevoll verabschiedet wurde und los ging’s.

Interessanterweise wurden unsere Bedenken immer kleiner je weiter wir das Projekt verwirklichten und die unserer Bekannten und Freunde immer größer. ’Was, wenn Ihr das Geld nicht zurückzahlen könnt? Was wenn Stephan danach keine Arbeit als Soziologe findet? Ist LA auch sicher? Was, wenn Anna es nicht gefällt in LA? Ist das nicht nur eine Spinnerei? Was, wenn sich die Ausbildung nicht amortisiert? usw. usw.’ Wir haben dann einen Trick angewandt und nur noch mit Menschen gesprochen, die ebenfalls risikofreudig waren und uns zwar Hinweise gaben, damit das Risiko kalkulierbarer wurde, aber nicht prinzipiell dagegen waren. Viele waren es nicht.

Wir mussten zwar das Weihnachtsgeld zurückzahlen, aber das gemeinsame Abenteuer war es wert. Es war nicht immer leicht, aber wir meisterten die zahlreichen Hindernisse dieser Millionenstadt, wohnten sogar in einer kleinen Doppelhaushälfte mit kleinem Vorgarten, Anna sprach nach drei Monaten fließend englisch und wir etablierten ein neues Geschäftsmodell, welches bis heute erfolgreich funktioniert, bei dem Produzenten das Training in verschiedenen Städten für uns produzieren. Auch da gab es viele Bedenkenträger, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir lebten damals wie heute, was wir anboten und sind begeistert über alle Teilnehmer, die ebenfalls den Mut haben und hatten, aus der Masse auszuscheren und das Leben zu verwirklichen, was sie wollen und nicht, was sie sollen. Es muss nicht immer die Weltreise sein, auch wenn wir wissen, dass viele sich eine große Reise erlaubt haben, es kann auch die gemeinsame Erfüllung als Paar, bzw. Familie sein, oder die Selbständigkeit, oder den Mut, anzusprechen, was einem auf der Arbeit nicht gefällt und sich für eine Neuerung einzusetzen. Die Frage lautet immer: Nie oder Jetzt? und je nachdem, wie Du sie Dir beantwortest, so zeigt sich Dir das Leben.

© Stephan & Maria Craemer

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