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Reich im Portemonnaie und arm im Kopf

 

Im September 1983 gingen Stephan & ich gemeinsam nach New York, da ich am Institute for RET zur einjährigen Ausbildung angenommen war. Welch eine aufregende Stadt, zumal wir das Privileg hatten, in der ersten Woche im Loft von Max Frisch zu wohnen und so auch seine Freundin kennenlernen. Nachdem wir ein Zimmer gefunden hatten, wurde ziemlich schnell deutlich, dass wir allein vom Stipendium nicht leben konnten. Dieses reichte gerade für die Miete. Bald fand ich eine Möglichkeit in einem seriösen Upper East Side Club als Garderobiere zu arbeiten. Der Stundenlohn von $ 3.50 war zwar minimal, aber die wohlhabenden Kundinnen zeigten sich großzügig mit Trinkgeld.

Eines Tages rief mich mein Ausbildungsleiter Dr. Albert Ellis zu sich und meinte, ich könne dort nicht mehr arbeiten, da eine seiner VIP-Kundinnen mich dort gesehen hätte und meine Tätigkeit bei ihm als Diplom-Psychologin und Stipendiatin seines Instituts sei mit diesem Job nicht vereinbar. Also kündigte ich, was der Inhaber bedauerte. Er bot mir jedoch eine Stelle im Club als Putzfrau an. Der Club habe am Wochenende geöffnet und so könne ich Samstags und Sonntags putzen, ohne von meinen Klienten erkannt zu werden. Für diese Stelle bräuchte er allerdings zwei Personen. Stephan und ich waren begeistert von der Möglichkeit, mit diesem Job unseren Aufenthalt in New York finanzieren und bleiben zu können, was mir ermöglichte meine RET Ausbildung zu beenden. Immerhin konnten wir mit dem Putzen $ 56,– an einem Tag dazu verdienen, allerdings fielen Trinkgelder jeglicher Art weg. Da der Club sich im vornehmen Viertel der Upper East Side befand, verbanden wir die Arbeit mit der Möglichkeit, dieses Viertel durch lange Spaziergänge kennenzulernen.

Beim Aufräumen fiel uns auf, dass wir eine Unmenge an Plastikflaschen wegwerfen mussten, was unserem damals schon ausgeprägtem Sinn für Nachhaltigkeit widersprach. Wie wir herausfanden, bekam man für jede Flasche fünf Cent, wenn man sie in bestimmte Geschäfte zurückbrachte. Das Geld bot natürlich einen zusätzlichen Anreiz, diese zu sammeln. Also sortierten wir die Pfandflaschen aus, um sie abends zurückzubringen. Dadurch bekamen wir noch einmal ca. zehn Dollar Dosenpfand zusammen und unser Abendessen nach der Arbeit war gesichert. Wir liebten die Pizzen in New York.

Nach seinem Hawaiitrip besuchte uns der Clubbesitzer kurz bevor wir gingen und erzählte uns begeistert von dem luxuriösen Hotel mit eingebautem Wasserfall und das sensationelle Schnorcheln. Seine Idee mit dem After Work Club war so gut angenommen, dass er ein Vermögen damit verdiente. Wir freuten uns für und mit ihm und fragten ihn, ob er mit unserer Arbeit zufrieden sein. Er bestätigte es und meinte, er sei vor allem begeistert über unsere Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Wir entsprachen also voll dem Image des Deutschen. Beim Herausgehen sah er, dass wir zwei große Mülltüten voller Flaschen hatten und er fragte uns, was wir damit machen wollten. Erfreut teilten wir ihm mit, dass wir diese nicht in den Müll warfen, sondern auf die Idee gekommen seien, sie in die Geschäfte zurück zu bringen, was für ihn weniger zu zahlenden Müll bedeute und wir etwas dazu verdienen könnten. Diese Idee fand er ebenfalls sehr gut und meinte, wir sollten ihm dann das Geld geben. Wir waren mehr als erstaunt. Da steht er vor uns, der Selfmade-Millionär und sagt uns, wir sollen für ihn die Flaschen zurückbringen und ihm dann das Geld geben? Wie armselig.

Unserem Umweltgedanken folgend lehnten wir das Einsammeln der Flaschen nicht ab, aber wir teilten ihm mit, dass wir sie nicht für ihn in die Geschäfte brächten. Das möge er bitte selbst tun und stellten die zwei Plastiksäcke vor ihm ab. Wenn er uns dann gekündigt hätte, wäre es auch in Ordnung gewesen. Wir waren bereit, ihm zu dienen und für unseren Lohn zu arbeiten, aber wir waren nicht bereit, uns entwürdigen zu lassen. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet, aber er war auch zu stolz einen Rückzieher zu machen. Also nahm er die beiden Tüten und verschwand.

Für uns beide war diese Erfahrung eine großartige Lektion für unser späteres Leben als Unternehmer. Wir schworen uns, nie so geizig zu sein wir er. Es gab gerade zu Anfang unseres Unternehmerseins zwar auch Zeiten, in denen wir arm im Portemonnaie waren, aber wir waren immer reich im Kopf, so dass Geldmangel zwar eine Begrenzung dessen zur Folge hatte, was wir uns leisten konnten, aber nie einen gefühlten emotionalen Mangel.

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