Was Kinder bei ihren Eltern doof finden

Ich dachte zu wissen, was es ist und war gerührt zu erfahren, wie wenig sie wirklich doof finden und wie schnell sie vergeben und vergessen, um wieder in Liebe mit den Eltern zu sein. Um mich als ElternTrainerin auszubilden, habe ich als Gast beim ersten ElternTraining der CCA teilgenommen, und war sehr beeindruckt und berührt über die Eltern. Sie haben Zeit und Geld investiert, um ihre Kinder besser verstehen und ermächtigen zu können, um so eine erfüllte Familie zu erschaffen. Als ich völlig beschwingt nach Hause fuhr, empfing mich unser zehnjähriger Sohn Jakob und wir hatten ein sehr interessantes Gespräch, welches ich gern mit Euch teilen möchte:

„Mama, was hast Du denn auf dem ET gelernt?“
Irgendwie gefiel mir die Formulierung nicht, was ich denn gelernt habe. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, überhaupt etwas gelernt haben zu müssen. Ob er sich auch so fühlt, wenn ich ihn dasselbe nach der Schule frage? Die in der Frage liegende moralische Bewertung habe ich mit meinem Mann untersucht. Sehr spannend. Unserem Sohn werde ich demnächst andere Fragen nach der Schule stellen.

„Mir sind ein paar Dinge bewusst geworden, die ich besser nicht machen sollte, und ich habe erkannt, wie doof manches für Euch Kinder ist.“
„Was denn? Sag mal! Und ich sag Dir dann, ob ich das auch so sehe.“ (er hat offensichtlich sehr aufmerksam den Gesprächen zwischen mir und Stefan zugehört.)
„Okay. Also wenn ich vorwurfsvoll spreche, ist das für Euch Kinder so, als ob aus heiterem Himmel ein Unwetter über Euch hereinbricht, und ihr versteht die Welt nicht mehr.“
„Ja, das ist wirklich doof. Und ich finde besonders blöd, wenn Du Dinge so um die Ecke herum sagst. Sowas wie: „Derjenige, der das dahingestellt hat, kann das ja auch jetzt mal wegräumen.“ – statt mich direkt anzusprechen, wenn ich daneben sitze. Noch was, Mama?“
„Kann ich gut verstehen. Tut mir wirklich leid. Sag mir bitte, wenn ich das wieder mache, okay? Und noch was: Ich meine oft, es besser zu wissen, wie und wo Du Deine Hausaufgaben zu machen hast, wie Du Vokabeln lernen solltest. Das stimmt nicht.“
„Ja. Finde ich auch blöd. Ich mach das schon. Vertraue mir.“
Hier kamen mir die Tränen, da es ein zentrales Thema im ElternTraining war, dass die Eltern ihren Kindern nicht vertrauen. Ich wähnte mich auf der sicheren Seite und hätte steif und fest behauptet, ICH vertraue meinen Kindern. Ja, das tue ich auch, solange meine Kinder tun, was ICH für richtig halte. Dabei schaue ich weniger, ob das, was sie machen für das Ergebnis funktioniert, sondern eher, ob es meinen Wertvorstellungen entspricht, wie man zu leben hat. Das hat auch zur Folge, dass ich wenig bereit bin, sie Risiken eingehen und Fehler machen zu lassen auf ihrem Weg. Meine Korrekturen danach auszurichten, ob das, was unsere Kinder tun, für ihr Ergebnis funktioniert, ist nicht immer leicht, aber sehr entspannend. Für alle Beteiligten.

Jakob fuhr fort:
„Und ich finde doof, wenn Du immer alles sofort erledigen musst. Das ist anstrengend. Also wenn ich frage, ob wir was spielen, und Du möchtest dann erst alles erledigen – Spülmaschine ausräumen, Wäsche aufhängen, usw. Es wäre viel schöner, wenn wir erst spielen und Du dann den Rest machst. Also wenn Du auch erstmal Pause machst. Oder wenn wir nach Hause kommen, nicht sofort alles aufräumen und wegräumen.“
„Okay, das verstehe ich. Und für mich ist es doof, mit Euch zu spielen, wissend dass ich danach alles noch allein aufräumen muss. Wärest Du bereit, mir zu helfen, dass die wichtigen Sachen vorher getan werden, wie Tisch abdecken und alles in den Kühlschrank zu räumen? Die Spülmaschine kann dann warten. So, jetzt bist Du dran, Jakob. Was meinst Du, machst Du, und das stört uns oder ist für uns doof?“
„Neee…. Sag Du zuerst, Mama, und dann sag ich was dazu.“
Interessanterweise hatte ich einen heimlichen Deal: wenn ich sage, was mir leid tut, weil es für ihn doof ist, muss er auch sagen, was ihm leid tut. Ist er aber nicht drauf eingegangen, da er diesen Deal nicht unterschrieben hat. Kluges Kerlchen. Vor Jahren hätte ich ihn jetzt emotional mit genau diesem Deal erpresst. Bin ich froh, durch die Trainings über mich selbst wach zu sein und es nicht getan zu haben. Dass er sich nicht hat erpressen lassen und sich selbst treu geblieben ist, ist Ausdruck seiner Stärke. Wenn er sich von mir nicht erpressen lässt, dann auch nicht von anderen. Dieses Verhalten wird ihm ermöglichen, Position für sich und seine Absichten zu beziehen und sich nicht manipulieren zu lassen.

„Okay. Ich finde blöd, dass Du oft zu Vorschlägen, was wir unternehmen können, erstmal nein sagst, auch ohne zu wissen, worum es geht.“
„Ja, stimmt. Ich mache halt vieles nicht so gern. “
„Und ich finde es anstrengend, dass ich Dich so anschieben muss, bis Du dich verabredest.“
„Stimmt nicht, ich habe mich doch jetzt verabredet.“
„Ja, stimmt, nur oft langweilst Du Dich hier zu Hause, und dann schlage ich vor, dass Du Dich verabredest, und Du lehnst das ab. Du langweilst Dich lieber.“
„Ich langweile mich dann gar nicht immer. Oder mir ist das dann lieber, als jemanden zu treffen.“
Mir wurde bewusst, dass ich nicht will, dass er sich langweilt. Ich will, dass er sich gut fühlt. IMMER. Er soll irgendwie meinen aktiven Lebensstil übernehmen, weil der besser, richtiger ist. Vielleicht muss ich aushalten, dass er sich langweilt, bis er etwas findet oder uns fragt, was er tun kann. Da ist es wieder, das mangelnde Vertrauen in die Kinder. Es ist auch ein Statement, nicht um jeden Preis mit irgendjemandem Zeit zu verbringen, nur weil es alle tun und man dann zumindest zeitweise der Langeweile entflieht. Trotzdem würde ich die Langeweile nicht als Begründung nehmen, ihn unbegrenzt Zeit am Bildschirm verbringen zu lassen. Natürlich werde ich auch auf seine Hausaufgaben achten, ihn jedoch auch eigene Erfahrungen machen lassen und sei es in Form einer schlechten Note. Ohne jedoch ihn dann mit einem ‚Siehste, hab ich Dir doch gesagt’ abzufertigen, sondern ihn zu fragen, was seine Absicht für die nächste Zensur ist und wie er glaubt, diese zu bekommen. Ich respektiere seine Art, Ergebnisse zu produzieren, und er muss nicht so fleißig sein wie ich, selbst wenn ich Lehrerin bin. Alles gar nicht so leicht, aber sehr spannend und mein Mann und ich lieben ja Herausforderungen.

Vielen herzlichen Dank für`s Lesen.
Isabelle Grosalski
Studienrätin, contextueller Coach, Trainerfrau

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